Fungizide
Fungizide sind Pflanzenschutzmittel gegen Pilzkrankheiten. Wichtigste Klassen: Azole (DMI), Strobilurine (QoI), SDHI und Kontaktmittel. Eine Behandlung kostet als Richtwert 20 bis 100 €/ha.
Fungizide — von lateinisch *fungus* (Pilz) und *caedere* (töten) — sind Pflanzenschutzmittel zum Schutz vor pilzlichen Krankheitserregern. Grundlage ist EU-weit die Verordnung (EG) Nr. 1107/2009. Die Zulassung der Mittel ist national: In Deutschland erteilt sie das BVL, in Österreich das BAES. Wirkstoffe sind EU-weit genehmigt, Handelsnamen und zugelassene Indikationen unterscheiden sich dagegen von Land zu Land — maßgeblich ist immer die aktuelle Gebrauchsanleitung und das nationale Register.
Die wichtigsten Wirkstoffklassen:
1. Azole (DMI — Demethylierungs-Inhibitoren):
- Wirkungsweise: Hemmung der Ergosterolbiosynthese in der Pilzzellmembran
- Wirkstoffe: Tebuconazol, Prothioconazol, Metconazol, Mefentrifluconazol; Epoxiconazol ist in der EU nicht mehr genehmigt
- Spektrum: breit — Septoria, Roste, Fusarium, Mehltau
- Systemisch, mit kurativer Teilwirkung
- Resistenz: Nach Jahrzehnten des Einsatzes ist die Leistung gegen Septoria deutlich zurückgegangen; als Mischpartner bleiben sie unverzichtbar
- Richtwert: 15 bis 35 €/ha
2. Strobilurine (QoI — Quinone outside Inhibitors):
- Wirkungsweise: Blockade der mitochondrialen Atmungskette am Cytochrom b
- Wirkstoffe: Azoxystrobin, Pyraclostrobin, Trifloxystrobin, Kresoxim-methyl
- Spektrum: Mehltau und Roste — gegen Septoria in Mitteleuropa praktisch wirkungslos, seit dem Resistenzdurchbruch 2002/2003 durch die G143A-Mutation
- Nebeneffekt: der bekannte Greening-Effekt — die Blätter bleiben sieben bis zehn Tage länger grün, was die Kornfüllung verlängern kann
- Richtwert: 20 bis 50 €/ha
3. SDHI (Succinat-Dehydrogenase-Inhibitoren):
- Wirkungsweise: Blockade von Komplex II der Atmungskette
- Wirkstoffe: Fluxapyroxad, Bixafen, Benzovindiflupyr, Fluopyram
- Spektrum: Septoria, Fusarium, Mehltau, Roste — derzeit die leistungsstärkste Klasse im Getreide
- Resistenz: erste Verschiebungen bei Septoria sind belegt, deshalb ausschließlich in Mischung mit einer zweiten Wirkungsweise einsetzen
- Richtwert: 35 bis 65 €/ha
- Praxisstandard: SDHI plus Azol ist die Basis der Blattbehandlung in Weizen
4. Fenpicoxamid (QiI) — neue Wirkungsweise:
- Erste Vertreterin einer eigenen Klasse (Quinone inside Inhibitor) im Getreide
- Hohe Leistung gegen Septoria, bislang keine Resistenz bekannt
- Richtwert: 50 bis 75 €/ha
5. Kontaktfungizide mit mehreren Angriffsorten (Multisite):
- Folpet — der wichtigste verbliebene Multisite-Partner im Getreide, wirkt resistenzbrechend als Mischpartner
- Kupfer (Kupferhydroxid, -oxychlorid) — im ökologischen wie im konventionellen Anbau zugelassen, EU-Obergrenze 4 kg Kupfer je Hektar und Jahr; Einsatz gegen Kraut- und Knollenfäule sowie Falschen Mehltau
- Schwefel — gegen Echten Mehltau und Spinnmilben, auch im Ökolandbau
- Mancozeb — EU-weit seit 2021 nicht mehr genehmigt, die Aufbrauchfristen sind ausgelaufen
- Chlorthalonil — seit 2019 EU-weit verboten; sein Wegfall hat die Resistenzstrategie im Weizen erheblich erschwert
6. Anilinopyrimidine: Cyprodinil, Pyrimethanil — Methioninbiosynthese; gegen Halmbruch, Botrytis und Monilia
7. Cymoxanil: kurze, kurative Wirkung von drei bis vier Tagen, stets in Kombination gegen Kraut- und Knollenfäule
8. Phenylamide (Metalaxyl-M): spezifisch gegen Oomyceten, hoher Resistenzdruck seit den 1980er-Jahren
Applikationstechnik:
- Anbauspritze (600 bis 1.200 l Behälter) für kleinere Betriebe, Anhängespritze (1.500 bis 6.000 l) für mittlere, Selbstfahrer für große Schläge
- Arbeitsbreiten von 18 bis 36 m sind heute Standard, in Fahrgassenabständen von 24 m oder mehr
- Wasseraufwand 150 bis 300 l/ha bei 2 bis 4 bar
- Abdriftminderung: In Deutschland regeln die Anwendungsbestimmungen des BVL verbindliche Abstandsauflagen zu Gewässern und Saumbiotopen; abdriftmindernde Düsen der Klassen 50 bis 90 % erlauben geringere Abstände
Zusatzstoffe: Öle und Netzmittel verbessern Benetzung und Aufnahme, siehe Zusatzstoff (Netzmittel)
Resistenzmanagement — die fünf Regeln:
- In jeder Behandlung mindestens zwei Wirkungsweisen kombinieren
- Dieselbe Wirkungsweise höchstens zweimal je Saison, bei SDHI und Strobilurinen möglichst nur einmal
- Wechsel der Wirkstoffklassen zwischen den Behandlungen und Jahren
- Resistente Sorten nutzen — die günstigste Maßnahme überhaupt
- Ackerbauliche Hebel: Fruchtfolge, Stoppelbearbeitung, angepasste Bestandesdichte und Saattermin
Behandlungsschema Winterweizen (Orientierung):
- T1 (BBCH 30 bis 32): Halmbruch und frühe Septoria — Azol, ggf. plus Folpet
- T2 (BBCH 37 bis 39): Fahnenblatt — SDHI plus Azol; die wichtigste und rentabelste Behandlung
- T3 (BBCH 61 bis 65): Ährenbehandlung gegen Fusarium — Azol, insbesondere Prothioconazol oder Metconazol
- Saisonkosten: als Richtwert 100 bis 190 €/ha
Wirtschaftlichkeit: In einem infektionsstarken Jahr kostet ein vollständiger Verzicht 30 bis 50 % Ertrag; eine alleinige Fahnenblattbehandlung sichert bereits einen Großteil davon. In trockenen Jahren mit geringem Krankheitsdruck kann sie umgekehrt die einzige lohnende Maßnahme sein — deshalb Entscheidungen an Bekämpfungsschwellen und Prognosemodellen ausrichten, nicht am Kalender.
Rechtlicher Rahmen: Sachkundenachweis für Anwender, geprüfte Spritze mit Kontrolle alle drei Jahre, Aufzeichnungspflicht über alle Anwendungen, Rückstandshöchstgehalte (MRL) nach Verordnung (EG) Nr. 396/2005 sowie die Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes, die in Deutschland und Österreich verbindlich sind.
Siehe auch Kraut- und Knollenfäule, Ährenfusariose, Blattdürre (Septoria), Roste, Insektizide, Herbizide.