Ernte
Die Ernte ist der Höhepunkt des Landwirtschaftsjahres — vom Getreideschnitt mit Sichel und Sense bis zum heutigen Mähdrusch.
Die Getreideernte fällt in Mitteleuropa auf Juli und August: zuerst Wintergerste, dann Winterraps und Winterweizen, zuletzt Hafer und Sommergetreide. Über Jahrhunderte war sie die arbeitsintensivste und riskanteste Zeit des Jahres — der Ertrag eines ganzen Jahres entschied sich in wenigen Wochen.
Die Handernte kannte zwei Werkzeuge: die Sichel, bis ins 17. Jahrhundert vorherrschend und vor allem von Frauen geführt, und die Sense, die zwar mehr Fläche schaffte, aber mehr Ausfall verursachte. Ein Mäher bewältigte 0,3 bis 0,5 ha am Tag. Gearbeitet wurde in Kolonnen: Mäher, dahinter die Aufnehmerin, dann die Binder, die die Garben schnürten, und schließlich die Aufsteller, die sie zu Hocken oder Puppen zusammenstellten. Nach ein bis zwei Wochen Nachtrocknung ging das Getreide in die Scheune und wurde dort über den Winter gedroschen, siehe Tenne.
Die Mechanisierung verlief in klaren Sprüngen: der Mähbalken ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, der Mähbinder ab den 1880er-Jahren, der die Garben selbsttätig band, und schließlich der Mähdrescher, der Schneiden, Dreschen und Reinigen in einem Arbeitsgang vereint und sich in Deutschland und Österreich ab den 1950er-Jahren durchsetzte.
Der Größenvergleich macht den Umbruch greifbar: Ein moderner Mähdrescher erntet fünf bis zehn Hektar in der Stunde. Was ein Mäher mit der Sense in drei Jahren schaffte, erledigt er an einem Tag.
Was sich nicht geändert hat, ist das Wetterrisiko. Ein Gewitter kann den Bestand ins Lager legen, Hagel vernichtet ihn in Minuten, und anhaltende Nässe führt zu Auswuchs — das Korn keimt in der Ähre, die Fallzahl fällt, und aus Brotweizen wird Futterweizen. Genau deshalb ist die Erntelogistik heute auf Geschwindigkeit ausgelegt: Jeder trockene Tag zählt.
Im Brauchtum ist die Ernte tief verankert. Das Erntedankfest am ersten Sonntag im Oktober, die geschmückte Erntekrone, die der Gutsherrschaft oder heute der Gemeinde überreicht wird, und der letzte Halm, der stehen blieb — Bräuche, die vom Alpenraum bis an die Nordsee in Varianten überall vorkommen.