Künstliche Besamung
Die künstliche Besamung ist das zentrale Werkzeug der Rinderzucht — über neunzig Prozent der deutschen Milchkühe werden künstlich besamt.
Bei der künstlichen Besamung wird tiefgefrorenes Sperma eines Zuchtbullen in die Gebärmutter der brünstigen Kuh eingebracht. In der deutschen und österreichischen Milchviehhaltung ist sie der Regelfall; der Natursprung spielt praktisch nur noch in der Mutterkuhhaltung eine Rolle.
Warum sie den Zuchtfortschritt trägt: Ein einzelner Bulle kann jährlich Zehntausende Nachkommen zeugen. Das erlaubt eine sehr scharfe Selektion auf der väterlichen Seite — der weitaus größte Teil des genetischen Fortschritts einer Population läuft über die Bullen. Hinzu kommt der Seuchenschutz: Ohne Tierkontakt entfällt der wichtigste Übertragungsweg für Deckinfektionen, und die Besamungsstationen unterliegen strengen Gesundheitsauflagen.
Zwei Techniken haben die Praxis in den letzten Jahren umgekrempelt:
Gesextes Sperma ist nach Geschlecht sortiert und liefert mit etwa 90 % Sicherheit weibliche Kälber. Damit lässt sich die Nachzucht aus den genetisch besten Kühen erzeugen — und der Rest der Herde mit Fleischrassen anpaaren, deren Kälber deutlich höhere Erlöse bringen. Diese Kombination hat die Kälberverwertung grundlegend verändert und zugleich das Problem der schlecht verwertbaren Milchrassebullenkälber entschärft; siehe Kreuzung. Zu beachten ist die etwas geringere Befruchtungsrate, weshalb gesextes Sperma vorzugsweise bei Färsen und in gut geführten Brunsten eingesetzt wird.
Die genomische Selektion hat seit etwa 2010 den Zuchtfortschritt beschleunigt: Junge Bullen werden anhand ihres Genoms bewertet und eingesetzt, ohne dass erst die Leistung ihrer Töchter abgewartet werden muss. Das Generationsintervall hat sich dadurch etwa halbiert.
Praktisch zählt die Sorgfalt: Die Pistole wird auf Körpertemperatur vorgewärmt, das Pailletten-Auftauen bei 35 bis 37 °C, die Verarbeitung innerhalb weniger Minuten und die Ablage im Gebärmutterkörper. In Deutschland darf die Besamung von Tierärzten, stationsgebundenen Besamungstechnikern oder Eigenbestandsbesamern mit entsprechendem Sachkundenachweis durchgeführt werden. Jede Besamung ist zu dokumentieren — sie ist zugleich die Abstammungsgrundlage für das Herdbuch.